ZUM LACHEN

Kabul, 3. November 2014

 

Auf vier Holzstühlen sitzen vier Clowns. Rote Schaumstoffnasen, Schlabberhosen, Hüte. Einer trägt eine Plastikbrille, die Gläser sind so groß wie Tassen. Vor den vier Clowns steht ein fünfter – und dirigiert mit einem Stift. Der erste Clown hustet. Der zweite schnäuzt sich die Nase. Der dritte nießt. Der vierte hustet, etwas heller als der erste. Hatschie, Huuuust, Hust, Schnäuz, Hatschie, Schnäuz, Hatschie Hatschie Hatschie, Huuuust. Applaus und Kinderlachen. Vielleicht 60 Jungs und Mädchen sitzen aufgereiht vor dem Spektakel. Manche von ihnen haben ihre Beine eingegipst, einige tragen den rosaschwarzgestreiften Krankenhaus-Schlafanzug, andere haben sich rausgeputzt, mit Schleife im Haar und Kleidchen – es sind die Kinder der Ärzte.

 

Der Dirgenten-Clown winkt einen Jungen zu sich, er ist vielleicht sechs. Er nimmt den Stift wie eine Zauberstab, der Macht verspricht. Huuuust! Schnäuz! Hatschie! Hust! Jezt lachen die Kinder noch mehr. Der Clown holt den nächsten Jungen. Huuuust! Schnäuz! Hatschie! Hust! So geht es eine Weile weiter.

 

Es ist ein absurder Anblick. Nicht wegen der lachenden Kinder, die sieht man in Kabul andauernd. Aber einen Clown, das hat hier noch niemand gesehen. Und dann: was sie machen! Die Clowns stappeln ihre Körper quer durcheinander, um eine Brüxke zu bauen. Oberarm auf Brust, Hinterkopf auf Bauch, Schulter auf Oberschenkel – Männer UND Frauen!

 Sie formen Tiere aus Luftballons, vier Beine, zwei Ohren, ein Schwanz. Das könnte alles sein, aber die Clowns verkaufen es - mit Kläffen und Bellen – als Hund. Ausgerechnet! Das Tier, das in Afghanistan so viele Schimpfworte bildet wie kein anderes. Sie blasen Luftballons so lange auf, bis sie platzen. Die Ärzte zucken zusammen, ein Knall heißt in Kabul meistens nichts Gutes.

 

Bei ihrem 15-minütigen Auftritt brechen die Clowns also ziemlich viele Regeln, aber es scheint ihnen niemand krumm zu nehmen. Sie sind eben Clowns. Man kann ihnen nicht sagen: das gehört sich nicht! Das versteht selbst, wer bis vor einer Viertel Stunde noch nie das Wort "Clown" gehört hatte.

 

Die Szene ist aber noch aus einem anderen Grund ungewöhnlich: Gut gelaunte Patienten sind in Kabul äußerst ungewöhnlich. Das afghanische Gesundheitssystem ist miserabel – und obendrauf wahnsinnig korrupt. Die Behandlung in staatlichen Krankenhäusern zum Beispiel ist eigentlich kostenlos. Doch ohne Schmiergeld bekommt man keinen Termin, geschweige denn ein Bett.

 

Tabletten kann man auf jedem Markt kaufen, allerdings weiß man nie so genau, was drin ist – und ob sie nicht eigentlich schon seit Jahren abgelaufen sind. Jedes Mal, wenn ich nach Deutschland fliege, fragen meine Freunde: Kannst du Tabletten gegen Rheuma mitbringen? Und etwas Schmerzmittel? Unser Pförtner kam einmal mit einem Bluttest. Der Befund, auf Englisch: alles bestens. Aber der Arzt hatte unserem Pförtner – er versteht kein Englisch – offenbar etwas anderes erzählt und ihm ein Dutzend "Medikamente" verschrieben: Vitamin C, Appetizer, Stimmungsaufheller, Schmerzmittel Schlaftabletten, und so weiter.

 

Neulich bekam ein Freund, der jahrelang als Krankenpfleger gearbeitet hat, eine Harnwegsinfektion. Er ging zum Arzt und ließ sich untersuchen. Der Arzt sagte: Wir müssen ein Röntgenbild machen. "Ich wusste, dass das Quatsch ist", erzählt der Freund, "beim Röntgen sieht man ja bloß Knochen und Gelenke, aber ich dachte mir: Mal schauen, was noch kommt. Nach dem Röntgen schickte mich der Art zum Ultraschall. Ich habe vor Jahren eine Niere verloren, seitdem ist die andere ziemlich groß. Ich fragte den Mann: 'Sind meine Nieren okay?' 'Alles bestens', sagte er. 'Ganz sicher? Mit der Größe alles okay?', fragte ich. 'Alles bestens', antwortete er, 'ganz normal'. 'Und wie sieht es mit der Milz aus?', fragte ich hin – die hab ich nämlich auch nicht mehr. 'Der geht's gut. Alles in Ordnung', sagte der Mann. Danach schickte mich der Arzt noch zum Bluttest. Am Ende sagte er: 'Sieht ganz so aus hätten Sie ienen Harnwegsinfekt.' 'Das weiß ich, hab ich gesagt, ich war Krankenpfleger. Und ich weiß auch, was für einen Schwachsinn Sie hier veranstalten. Warum haben Sie die ganzen Tests gemacht?' Der Arzt sagte: 'Ach Bruder, es tut mir leid. Du musst die Tests nicht bezahlen.' Ich hab die Rechnungen bezahlt und dem Arzt gesagt, er soll seinen Job ordentlich machen. Es ging mir nicht um's Geld – ich wollte, dass es ihm peinlich ist."

 

Wer kann, bringt seine Verwandten zu Ärzten nach Pakistan. Wer etwas Geld hat, bringt sie nach Indien. Ein afghanischer Journalist, der Anfang 30 mit Gehirntumor diagnostiziert wurde, sammelte online Spenden für seine Operation. Er brauchte 3000 Dollar. Ein anderer suchte bei Twitter und Facebook nach einer lebenswichtigen Blutspende, Null negativ. In weniger als einer Stunde meldeten sich eine handvoll Leute. Einer schrieb, er lebe in Jalalabad, drei Stunden Autofahrt entfernt. Ob sich schon jemand gefunden hätte? Sonst würde er sich gleich auf den Weg machen.

 

Es ist wie mit allem in Afghanistan: Weil die staatlichen Systeme nicht funktionieren, muss man sich selbst zu helfen wissen. Irgendwie.