WAS VON DEN DEUTSCHEN ÜBRIG BLEIBT

Ausgestorben.

 

Dieses Wort kommt einem in den Sinn, wenn man das ehemalige Bundeswehrlager in Faisabad betritt. Ein Jahr nach dem Abzug der Bundeswehr sind die Straßen des Camps leer. Von den 200 Männern der Bereitschaftspolizei ANCOP, die hier stationiert ist, sind anwesend: Kommandeur Sardar Mohammad Hakimi, sein Bodyguard mit Kalaschnikow, ein Diener, ein Koch und zwei Gehilfen, ein Funker, vier Wachen.

 

Die Deutschen sollten die Provinz Badacschan stabilisieren und afghanische Sicherheitskräfte ausbilden. Vergangenen Herbst übergaben die Soldaten einen übergroßen schwarz-rot-goldenen Schlüssel an ihre afghanischen Nachfolger und wünschten „bei der Bewältigung aller Aufgaben hier in Badachschan alles Gute“. Seither ist viel passiert in der einst sichersten Provinz Afghanistans.

 

Es ist kurz nach Mittag, fünf junge Polizisten schlendern durchs Tor. Sie kommen aus dem Urlaub. Kommandeur Hakimi geht ihnen entgegen. Begrüßt, drückt Hände, scherzt. Dann nimmt er einen von ihnen beiseite. „Wo wart ihr so lange?“ fragt er. „Ich hatte euch 14 Tage erlaubt – nicht 25.“ „Kommandeur, Sie wissen doch wie gut es tut, die Familie zu sehen.“ Hakimi widerspricht nicht. Er legt einen Arm um die Schulter des Mannes und sagt: „Mach dich schon mal bereit. In drei Tagen fahren wir nach Boschan.“

 

Boschan ist ein Dorf im Distrikt Warduj, 50 Kilometer von Faisabad entfernt. Hakimis Leute kämpfen dort seit Monaten gegen Aufständische: ein Drittel Taliban, zwei Drittel Kriminelle. Schon zu Bundeswehr-Zeiten gab es in dieser Gegend immer wieder Gefechte. Nun versuchen die Polizisten, in den Bergen Wardujs zwei Checkpoints zu halten. Sie liegen hinter einem Dorf, nahe einer Brücke, auf einem kleinen Hügel. Hakimis Leute seien dort dutzendweise gestorben, berichtet er. Im März habe er noch 350 Männer befehligt, inzwischen 200. Die anderen seien entweder tot oder geflüchtet. Wie gesagt: ausgestorben.

 

Boschan ist ein Ort, der ahnen lässt, was nach dem Abzug der NATO passieren könnte.

Als die ISAF-Truppen 2001 nach Afghanistan kamen, sollten sie Kabul sichern und der Regierung helfen, den Staat von der Hauptstadt aus neu aufzubauen. Das reichte nicht, nach zwei Jahren beschloss man, die Macht der Zentralregierung ins ganze Land auszuweiten. Überall wurden sogenannten PRTs gebaut, regionale Wiederaufbauteams. So kamen die Deutschen 2004 nach Faisabad, in die Hauptstadt der Provinz Badachschan. Sie ist bekannt für Schmuggelrouten nach Tajikistan, Pakistan und China und dafür, dass sie zu keiner Zeit von den Taliban erobert wurde. Badachschanis, so geht ein Spruch, sind so friedlich, dass sie nicht einmal ihre eigenen Schafe schlachten.

 

Als die Bundeswehr abzog, kämpften Militär, Geheimdienst und Polizei in acht der 27 Distrikte gegen Aufständische. Heute kämpfen sie in zwölf Distrikten. Manche waren wochenlang nicht erreichbar, weil Aufständische die Straßen sperrten.

 

Zweimal kamen die Deutschen zurück nach Faisabad, mit Aufklärern, Hubschraubern und Sanitätern. Afghanische Regierung und Bundeswehr lobten den Erfolg ihrer gemeinsamen Operationen, aber in Wahrheit wurden die Aufständischen nur von einem Distrikt in den nächsten vertrieben. Ihre Macht in der Provinz wächst.

 

Fragt man Kommandeur Hakimi, wie es in Badakhshan läuft, nimmt er Kugelschreiber und Papier, zeichnet ein paar Stellungen seiner Leute auf und erzählt eine Stunde lang von den Gefechten der letzten sieben Monate. ANCOP gilt bei der NATO als eine der fähigeren Einheiten. Außer ihr gibt es noch Armee, Geheimdienst, Grenzpolizei, Polizei und Kommunalpolizei. Hakimis Erzählungen sind also nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was in Badachschan passiert. Trotzdem zeigen sie, dass einiges schief läuft bei dem, was die Bundesregierung "Übergabe in Verantwortung" nennt.

 

Hakimi kam im März nach Faisabad. Er sollte 100 seiner Leute als Unterstützung nach Boschan bringen. Nachdem er die Checkpoints erreicht hatte, sperrten die Aufständischen die Straße nach Faisabad und schickten zwei Boten mit einer klaren Nachricht: Wenn ihr innerhalb von 24 Stunden eure Waffen abgebt, könnt ihr gehen. Hakimis Leute taten es nicht. Drei Tage später kam ein Brief: Wenn ihr in acht Stunden nicht eure Waffen abgegeben habt, bringen wir euch um. Die Polizisten reagierten nicht. Nach Sonnenuntergang griffen die Aufständischen an, die Kämpfe dauerten bis vier Uhr morgens. Irgendwann schickte ISAF Luftunterstützung und die Aufständischen flohen. Hakimi brachte vier Leichen und acht Verwundete nach Faisabad.

 

Etwa zur gleichen Zeit schrieben die Presseleute der Bundeswehr über Badachschan: „Die ANSF zeigen sich bislang unverändert befähigt, den Bedrohungen in diesem Bereich adäquat zu begegnen.“

 

Zwei Monate später griffen die Aufständischen wieder an, sie töteten sechs Männer von ANCOP, verwundeten acht. Und sie blockierten die Straßen, Hakimis Leute saßen fest. Der Kommandeur schickte ein paar zivile Autos, um Fleisch und Reis von Faisabad nach Boschan zu schmuggeln. Nach 28 Tagen gelangte ein Rettungskonvoi wenigstens bis ins Nachbardorf. Die Männer am Checkpoint hatten drei Fahrzeuge. Darauf luden sie Waffen, Verletzte und Leichen und fuhren sie ins Dorf. Die restlichen 80 Männer gingen zu Fuß. „Wir haben die Checkpoints verlassen“, sagt Hakimi, „und die Dorfbewohner haben sofort alles von dort mitgenommen, Türen, Möbel, Holz.“ Manche klauten für die Aufständischen, andere sind einfach nur arm.

 

Der Konvoi bringt Hakimis Leute nach Faisabad. Auf dem Weg dorthin wird er erneut angegriffen. Wieder sterben sechs Polizisten, neun werden verwundet, drei entführt. Mitte Juni meldet die Bundeswehr: „Das militärische Engagement der ANSF in diesem ländlichen Gebiet der Provinz Badachschan zeigt, dass die ANSF ihrer Sicherheitsverantwortung auch abseits von urbanen Zentren gerecht werden wollen. Die registrierten sicherheitsrelevanten Zwischenfälle (SRZ) und Verluste auf Seiten der ANSF im Zuge der Operationen im Warduj-Tal sind als Konsequenz des verstärkten afghanischen Engagements zu bewerten.“

 

Im September können vier Distrikte in Badachschan nur noch mit dem Helikopter erreicht werden – die Straßen sind blockiert. Man bittet Kabul um Hilfe, die Regierung schickt zusätzliche Soldaten und beschließt im September eine groß angelegte Clearing Operation. Auch deutsche Soldaten kommen zur Unterstützung nach Faisabad zurück. „Unsere Armee hat es nicht geschafft, einen einzigen Aufständischen umzubringen“, sagt Hakimi. „Das war alles nur ISAF.“ Am achten Tag der Gefechte reist der afghanische Verteidigungsminister nach Badachschan und erklärt die Operation für beendet, die Aufständischen seien vertrieben. Die Deutschen ziehen wieder ab und die Polizisten von ANCOP sollen zurück nach Boschan. Die Armee, heißt es, habe das Gebiet befreit. Doch als sich Hakimis Leute den Checkpoints nähern, fallen schon wieder Schüsse. Die Aufständischen haben sich hinter Felsen versteckt, die Männer von ANCOP bemerken sie zu spät. Sechs sterben, zwei werden verletzt. Hakimi hört und sieht alles von seinem Auto aus. Er steigt aus und sieht, wie jemand auf ihn zielt. Einen Augenblick später durchschießt eine Kugel seinen rechten Oberschenkel.

 

Es ist das achte Mal, erzählt Hakimi, dass er getroffen wird. Beim ersten Mal, noch während der sowjetischen Besatzung, war er 18. Eine Granate schlug in das Haus seiner Eltern in Kabul ein, Schrapnell bohrte sich in Schulter und Rücken, zwei seiner Freunde starben. Die nächsten vier Male wurde Hakimi im Kampf gegen die Russen verwundet, dann zwei Mal als er mit den Mudschaheddin gegen die Taliban kämpfte, und jetzt in Boschan.

 

Hakimis Bodyguard stieß ihn zurück ins Auto und raste mit ihm nach Faisabad ins Krankenhaus. Dort rief Hakimi seine Familie in Kabul an. Er hat eine Frau, sechs Söhne und drei Töchter, die jüngste von ihnen ist drei, sie ging ans Telefon. „Ich hab ihr erzählt, dass ich über einen großen Stein gestolpert bin und mir den Finger gebrochen habe“, sagt Hakimi. Am nächsten Tag rief er seinen ältesten Sohn an, der Soldat ist. Ihm erzählte Hakimi die Wahrheit.

 

In Boschan hatten die Aufständischen unterdessen 50 Grenz- und Bereitschaftspolizisten festgenommen. Wieder sollten sie ihre Waffen abliefern. Einer von Hakimis Leuten wurde wütend und schoss auf den Anführer. Dann brach Chaos aus. 18 Grenzpolizisten und sechs von Hakimis ANCOP-Männern starben, darunter auch sein 22-jähriger Neffe.

 

Erst am nächsten Tag kam ein Konvoi aus Faisabad zur Verstärkung nach Boschan, da waren die Aufständischen längst weg. Und Hakimis Leute zogen wieder in die beiden Checkpoints ein.

 

Hakimi legt Kugelschreiber und Papier zur Seite. „Das waren meine letzten sieben Monate“, sagt er.

 

Nach dem Gespräch mit dem Kommandeur fällt es schwer, sich vorzustellen, dass hier vor einem Jahr noch die Bundeswehr stationiert war. Die meisten Deutschen verließen nie das Feldlager, in acht Jahren kamen drei Soldaten ums Leben.

 

Rundgang durchs Lager. Als erstes führt der Kommandeur zur Moschee, der früheren Kirche der Deutschen. Draußen hängt jetzt ein Lautsprecher, drinnen fehlt das Kreuz, ansonsten hat sich nicht viel verändert. „Da sieht man doch, dass wir alle gleich sind“, sagt Hakimi. „ An wen wir glauben, spielt doch keine Rolle.“ Ich habe die Kirche zuletzt im Sommer 2012 gesehen. Damals war ich mit der Bundeswehr nach Faisabad gereist, um über den Abzug zu berichten. Am zweiten Abend lud der Pfarrer zur Kinonacht. Bier, Chips, Gummibärchen - und Sherlock Holmes.

 

Hinter der Moschee ist noch das Beachvolleyballfeld aufgebaut, Basketballkorb, Torwand, alles unbenutzt. Ich denke an den Bundeswehr-Arzt, der mir besorgt erzählt hatte, wie viele Soldaten sich beim Sport verletzen würden. „Ich bring's trotzdem nicht über's Herz, das zu verbieten“, sagte er damals. „Sonst hätten die Jungs ja gar nichts mehr hier.“ Im Fitnessraum sind die Geräte halb zerfallen, am Boden liegen Gewichte zerstreut. Im Gang hängen noch die Schilder der Deutschen: „Wechsel Schuhe!“ „Mit einsetzender Dunkelheit ist die Tür geschlossen zu halten (Lichtdisziplin!!!)“ „Sport im Einsatz baut Stress ab...!“ Ich hatte das alles schon letztes Jahr gesehen. Aber erst jetzt wird mir die Absurdität bewusst, der Unterschied zwischen Bundeswehrkrieg und Krieg.

 

Im Essenssaal klebt ein Zettel an der Wand: „Denkt an eure Kameraden – es ist für jeden ausreichend da.“ Ich erinnere mich an Schweinsbraten mit Knödel, an Weißwürste mit Brez'n, an stapelweise Hotel-Packungen Nutella, die Til Schweiger per Feldpost einfliegen ließ. Gleichzeitig höre ich, wie Hakimi erzählt, dass der Reis, der ihm aus Kabul zugeteilt wird, immer zu knapp ist: „So ist das eben - wenn etwas von Hand zu Hand geht, kommt am Ende wenig an.“

 

Ein paar Minuten später stehen wir vor einer bemalten Hauswand: Sonnenuntergang in lila-rot-orange, davor in schwarz ein Sandstrand mit Palmen. „Talibar“ steht über der Tür. „War das ein Nachtclub?“, fragt der Kommandeur. Er sieht das Schild nicht zum ersten Mal, aber es bringt ihn immer noch zum Lachen.

 

Bei den Deutschen bewachten nicht vier, sondern bis zu 80 Leute das Feldlager. Über dem Camp schwebte ein riesiger Zeppelin, dessen Kameras Stadt und Umgebung filmten. Die Kommandozentrale war ein Hightech-Raum mit Computern und Schalttafeln. Jetzt ist da: ein Mann und ein Funkradio.

 

Was sonst noch von den Deutschen geblieben ist: ein Plastikchristbaum in der Ecke. Eine Holzwand, auf die jemand eine Grimasse gezeichnet hat, dazu eine Sprechblase: „Ich kann dich sehen“. Eine Packung „Innere Ruhe“-Tee auf dem Schrank einer Schlafstube.

 

Ein laminierter Din-A-4-Ausdruck zum Ankreuzen an einer Bürotür: „FMZ ist: anwesend, in einer Besprechung, in der FMZ, beim Essen, beim Sport, im Feldlager unterwegs, zurück um …“ Ein Napf von Pedigree neben den Hundezwingern, darauf steht: „nur für gutes Futter“.

 

Es ist wie bei den Büchern, in denen man eine Folie über ein Bild legt und auf einmal entsteht ein neues. Ich höre die nüchternen Berichte der Afghanen und denke an die Geschichten der Bundeswehr-Soldaten: „Unser Auto wurde mit Steinen beschmissen“, „Wir haben aus der Ferne eine RPG gehört“,“Ich kenne einen, der bei einem Anschlag dabei war.“

 

Ich wollte das Camp sehen, weil ich hoffte, zu erfahren wie nachhaltig die „Geschenke“ der Deutschen sind, die Lagerreste. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass die Art, wie Soldaten leben, ja auch etwas über die Art des Krieges sagt, den sie führen.

 

Der Politikwissenschaftler Philipp Münch hat kürzlich für das Afghanistan Analysts Network untersucht, welche Art von Krieg die Bundeswehr in Badachschan geführt hat. Sein Ergebnis: Den Deutschen mangelte es in drastischer Weise an Informationen, sie verfolgten keine konsistente Strategie und versuchten im Gegensatz zu anderen Nationen nicht, die bestehenden Machtverhältnisse in ihrer Region zu verändern.

 

So lange die Soldaten da war, konnte sie Gewalt unterdrücken. Eine wirksame Regierung und schlagkräftige Sicherheitskräfte haben sie nicht hinterlassen.

 

Das letzte Mal kam die Bundeswehr im September zurück in ihr altes Feldlager nach Faisabad. Dort,wo die Soldaten campierten, liegen Zigarettenschachteln, eine leere Packung Fertig-Capuccino und haufenweise verschweißtes Essen im Dreck. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist noch nicht überschritten.