VERRATEN UND VERTRÖSTET

Ein paar Stunden bevor die Angst kam, fiel der Strom aus. Kein Licht, kein Fernseher – in Kabul passiert das dauernd im Winter. Also ging Tarik Ayub früh zu Bett an diesem Januarabend 2013. Er erzählt mir, dass er schon fast geschlafen habe, als sein Handy klingelte: "Hör auf mit deiner Arbeit", sagte die Männerstimme, "sonst kostet es dich dein Leben."

 

"Hör auf, mir zu drohen", antwortete Ayub, "wenn du ein echter Mann bist, dann zeig dich endlich." Der Anrufer lachte bloß: "Du hast keine Ahnung, wie mächtig wir sind." Dann legte er auf. "Wer war das?", fragte die 16-jährige Tochter. Sie lag im selben Zimmer, im Winter schläft die ganze Familie gemeinsam im einzigen Raum, der einen Holzofen hat. Draußen fror es, die dünnen Hausmauern schützen nicht vor Kälte. "Das war nur ein Freund", log Ayub. "Er wollte mich ärgern."

 

"Und dann?", frage ich. Dann sei er in die Küche gegangen und habe zwei oder drei Gläser Schnaps getrunken.

 

Wie immer nach solchen Anrufen konnte er die ganze Nacht nicht mehr schlafen. Er dachte: "Wenn wir nur wegkönnten von hier."

 

Tarik Ayub arbeitet seit 2006 als Dolmetscher und Projektmanager für die Deutschen. Der 52-Jährige organisiert politische Workshops für Studenten, Parlamentarier und Geschäftsleute im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kabul. Er fährt in die Provinzen und verteilt Hunderte Bücher, die von sozialer Marktwirtschaft handeln und von der Frage, warum es wichtig ist, zu wählen. Er macht seinen Job, weil er Afghanistan verändern will und weil er dabei gut verdient, besser als die meisten anderen in Kabul. Als Ayub vor sechs Jahren bei der Stiftung anfing, ahnte er nicht, dass es gefährlich werden könnte. "Damals war ich optimistisch, was mein Land angeht." Heute fürchtet er sich.

 

Für Militär und Polizei sind afghanische Helfer unersetzlich: Sie sprechen die Sprache, kennen die Gepflogenheiten, stellen den Kontakt zu Einheimischen her. 1.600 Afghanen arbeiten laut deutschem Innenministerium für die vier am Einsatz beteiligten Bundesministerien. Dazu kommen noch Leute wie Ayub, die für Stiftungen und NGOs tätig sind. Insgesamt knapp 2.000 Personen.

 

Für die Taliban sind Mitarbeiter ausländischer Organisationen Verräter. Sie drohen ihnen mit Mord und machen ihre Drohungen wahr. Mitte November erschossen Rebellen in der Nähe von Kabul zwei Dolmetscher der US-Armee auf dem Weg zur Kaserne. Die Leichen ließen sie am Tatort liegen. Die "Kollaborateure des Westens" dürften die ersten Ziele von Racheakten sein, wenn die Alliierten Ende 2014 Afghanistan verlassen. Jahrelang haben die Deutschen von ihren lokalen Mitarbeitern profitiert – was tun sie jetzt für deren Sicherheit?

 

Die Bundesregierung ist unschlüssig. Einerseits wolle sie niemanden im Stich lassen, sagt Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Andererseits würden gerade die gut ausgebildeten Kräfte für den Aufbau ihrer Heimat gebraucht. "Nur im Notfall" wolle man die Ausreise Einzelner organisieren. Aktuell gebe die Sicherheitslage dazu jedoch keinen Anlass.

 

"Alles im grünen Bereich!", sagt Tarik Ayub und er klingt bitter. Ein paar Tage zuvor hat die Bundesregierung ihren halbjährlichen Fortschrittsbericht zu Afghanistan veröffentlicht.

 

Ayub konnte die Berichte darüber im Internet verfolgen. Er konnte lesen, dass es aufwärtsgehe mit Afghanistan. Dass sich der Einsatz gelohnt habe. "Das sind alles Lügen! Die Lage ist schlecht!", ruft Ayub. Er spricht fließend Deutsch, seit er Anfang der achtziger Jahre Elektrotechnik in der damaligen DDR studiert hat. Jetzt ist er deutscher Diplom-Ingenieur. Ayub empfindet es als Hohn, was westliche Diplomaten über sein Land sagen. "Die sollen mal durch Kabul laufen, nicht immer nur in ihren Kasernen sitzen", schimpft er. "Sie sollen die Menschen auf der Straße fragen, wie es ihnen geht. Ob sie etwas zu beißen, ob sie Arbeit haben, wie froh ihre Kinder sind. Dann sollen sie noch einmal schreiben: Alles im grünen Bereich."

 

An westlichen Maßstäben lässt sich Kabul nicht messen, aber es ist eine halbwegs funktionierende Stadt. Es gibt eine Verkehrspolizei und eine Müllabfuhr und überall bewaffnete Sicherheitskräfte. Bei einem Selbstmordattentat auf das Ferienhaus des Geheimdienstchefs sperren Polizisten die umliegenden Straßen und erklären mir höflich, warum ich nicht weitergehen darf. Es gibt Restaurants, in denen Ausländer Bier trinken können und von usbekischen Frauen in kurzen Röcken bedient werden. Es gibt die sogenannten Hochzeitstorten: pink-türkis-goldene Glaspaläste in Disneyland-Optik, in denen die wenigen Reichen leben. Und es gibt jede Menge Not. Arbeitslose am Straßenrand, bettelnde Kinder, überfüllte Flüchtlingslager. Noch drastischer ist es in den Provinzen. In vielen Gegenden kontrollieren Aufständische die Wege, immer wieder werden Journalisten und Entwicklungshelfer entführt oder ermordet. Viele Gegenden sind von der Zivilisation abgeschnitten. Wer dort herrscht, weiß niemand genau. Nur, dass die Leute am Boden sind und es am Nötigsten fehlt.

 

Im Oktober stellte die amerikanische Krisenbeobachtungsgruppe International Crisis Group (ICG) in einem Bericht fest, dass Afghanistans Armee und Polizei überfordert seien. Und mir selbst sagte ein Bundeswehrgeneral: "Es mangelt an allem, was übers Gewehrhalten hinausgeht." 2012 wurden so viele afghanische Soldaten von Sprengfallen oder im Gefecht getötet wie nie zuvor. Und die ICG fürchtet, dass die Regierung nach 2014 kollabieren könnte. Ein Machtvakuum und konkurrierende, einander bekämpfende Kräfte wären die Folge. Im schlimmsten Fall ein Bürgerkrieg.

 

Sicher, nach elf Jahren Militäreinsatz und etwa 35 Milliarden Euro Aufbauhilfe gibt es mehr Krankenhäuser, mehr Straßen, mehr Polizisten in Afghanistan. Aber eben auch die Angst, dass alles umsonst gewesen sein könnte.

 

Egal, mit wem ich in Kabul über den Abzug der Nato-Truppen spreche – Taxifahrer, Regierungsmitarbeiter, Schauspieler, Studenten, Wachleute –, immer wieder höre ich: "Wir haben in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht." Es ist, als hätte die ganze Stadt diesen Satz auswendig gelernt.

 

Als die sowjetische Besatzungsmacht 1989 nach einem zehnjährigen Krieg gegen die Mudschahedin das Land verließ, waren mehr als eine Million Afghanen umgekommen. Die Mudschahedin ergriffen die Macht, sechs Stämme teilten Kabul untereinander auf, bekriegten sich gegenseitig. Sie verminten die Grenzen ihrer Viertel und feuerten täglich Hunderte Raketen aufeinander. Was im Krieg noch nicht zerstört worden war, wurde jetzt ruiniert.

 

Ayub versteckte sich tagelang im Keller. Er verheimlichte, im Ausland studiert zu haben, gab sich als Taxifahrer oder als Automechaniker aus. "Viele gebildete Leute sind damals umgebracht worden", sagt er. Als 1996 die Taliban Kabul eroberten, floh Ayub. Sechs Jahre lebte er in Pakistan, er arbeitete als Tagelöhner bei einem Lieferanten. Nach dem Sturz der Taliban kehrte er zurück und bekam einen Job bei der Deutschen Welle in Kabul. Dort wählte er Gäste für Radiosendungen aus, übersetzte und war so etwas wie ein technischer Studioleiter. 2006 fing er bei der Adenauer-Stiftung an.

 

Damals hatte Ayub das Gefühl, es könnte sich etwas ändern in Afghanistan. "Ich habe gehofft, dass wir diesen Krieg und diesen Horror endlich begraben." An den Wochenenden machte er Ausflüge mit seinen Freunden, er fuhr an den Salangpass oder zu den Band-e-Amir-Seen; er bereiste sein Land, das so lange im Krieg versunken war. Es waren die Jahre der Hoffnung, nicht nur für Ayub. Viele Afghanen, die im Ausland gelebt hatten, kamen zurück. Sie wollten etwas bewirken in ihrer Heimat. "Wenn ich auch nur einem Menschen zeige, dass wir hier auch anders leben könnten, hat sich mein Job gelohnt", sagt Ayub. Seine Landsleute sollen begreifen, welche Vorteile die Demokratie bringt. "Ich denke genauso wie ein Deutscher über Afghanistan – jedenfalls bilde ich mir das ein."

 

Der erste Drohanruf kam im Sommer 2009. Tarik Ayub hat solche Drohungen seither öfter gehört. Immer eine andere Nummer, immer eine neue Stimme, nur der Inhalt ist stets derselbe: "Wir wissen, dass du für Ausländer arbeitest, die Afghanistan angegriffen haben." Er solle Bargeld besorgen für seine "islamischen Brüder". "Sie drohen, meine Kinder umzubringen oder mich selbst. Sie sagen: Erinnerst du dich an die Kinder von dem und dem? Die wurden vor den Augen ihrer Eltern ermordet." Ayub erzählte seiner Frau vom Telefonterror, "damit sie vorbereitet ist". Sie sagte, er solle den Job hinschmeißen. Das tat Ayub nicht. Dafür hat er bei Roshan, dem afghanischen Mobilfunkanbieter, angerufen und gefragt, ob sie die Nummer zurückverfolgen könnten. Es war nicht möglich. "Falls etwas passiert, können die afghanischen Sicherheitskräfte mich nicht schützen", sagt Ayub, "sie sind nicht stark genug." Er wirkt nicht panisch, wenn er von den Morddrohungen erzählt. Eher wie jemand, der nicht versteht, warum man ihm das antut. Vielleicht, weil er an Gefahr gewöhnt ist. Oder weil er sieht, dass Panik seine Lage nicht ändert.

 

Weil sie die Rache der Taliban fürchten, verheimlichen viele Afghanen, dass sie für den Westen arbeiten. Eine 24-Jährige, die in Kabul für die Caritas International die Buchhaltung macht, erzählt mir, dass sie sogar manchen Familienmitgliedern ihren Job verschweige – "nur um sicherzugehen". Andere können das nicht. Afghanen, die für Kommandeure der Bundeswehr oder Soldaten mit hohem Dienstgrad übersetzen, sind bei großen Empfängen in den landesweiten Nachrichten zu sehen. Auch Ayub erscheint hin und wieder im Fernsehen, bei Konferenzen, die er organisiert, ist er, deutlich identifizierbar, im Bild zu sehen. In den Provinzen, in die er fährt, kennt man ihn. Und wer seinen Namen googelt, sieht, dass er für die Konrad-Adenauer-Stiftung arbeitet, seine Telefonnummer steht gleich dabei. Ihn zu finden ist nicht schwer.

 

Ayub fühlt sich beobachtet, sagt er. Seit den Drohanrufen fährt er vom Büro direkt heim, auch an den Wochenenden bleibt er fast immer zu Hause, seine beiden Kinder lässt er bloß noch zum Unterricht raus.

 

Längst macht er keine Ausflüge mehr, Kabul verlässt er nur, wenn sein Job es erfordert. Selbst nach Laghman, 120 Kilometer östlich der Hauptstadt, wo seine Verwandten wohnen, traue er sich nicht mehr, sagt Ayub. Nicht zu Hochzeiten, nicht zu Geburten – nur wenn jemand stirbt, riskiert er die Fahrt, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Kürzlich hat Ayubs Tochter gefragt: "Papa, bleibt mein Leben so?" Nein, habe er geantwortet, da komme noch mehr. "Aber nicht jetzt."

 

Als ich beim deutschen Innenministerium nachfrage, was für Leute wie Tarik Ayub unternommen wird, lautet die dürre Antwort eines Sprechers: Das stehe "bisher noch nicht groß auf der Agenda". Für die Betroffenen sei so eine Situation natürlich schlimm, findet der Sprecher. Aber man habe auch noch andere Probleme zu lösen. Dringendere.

 

Ein paar Tage später schickt er eine E-Mail: Man prüfe Einzelfälle nach bestimmten Kriterien. Mit den Prüfern sprechen darf ich nicht. Und die Kriterien? Der Sprecher schreibt: Die Helfer müssten "nachweislich" und "konkret" gefährdet sein; die Bedrohung müsse sich "erheblich vom allgemeinen Gefährdungspotenzial" unterscheiden und in Zusammenhang mit dem Abzug der Deutschen stehen – dann komme eine Aufenthaltsgenehmigung "in Betracht". Wie Drohungen überprüft werden sollen, erläutert der Sprecher nicht. Auch nicht, wie das "allgemeine Gefährdungspotenzial" eines Landes beschaffen ist, in dem in vielen Regionen Bürgerkrieg herrscht. Es wäre gut für Afghanistan, wenn die Gebildeten bleiben und beim Aufbau helfen. Aber wie viel Mut darf man erwarten von den Bewohnern eines Landes, das man selbst aufgibt?

 

Kanada und die USA haben ein Aufnahmeprogramm für ihre Mitarbeiter beschlossen. Frankreich entschied nach seinem Abzug im November, knapp 170 der einheimischen Helfer aufzunehmen. Und Neuseeland, dessen Kampftruppen im April abziehen, lässt seinen 23 Übersetzern die Wahl: Entweder bekommen sie und ihre Angehörigen Visa, oder sie erhalten drei Jahresgehälter, um sich in Sicherheit zu bringen. Man könne nicht beweisen, dass die Helfer nicht bedroht seien, sagte der neuseeländische Verteidigungsminister auf einer Pressekonferenz. Deshalb habe man beschlossen, beim Prüfen "nach Treu und Glauben zu handeln".

 

Vieles spricht dafür, dass die Integration der afghanischen Helfer in Deutschland kein großes Problem wäre. Es gibt eine große Community in Deutschland, unter den knapp 90.000 ansässigen Afghanen fielen die 2.000 Mitarbeiter und ihre Familien kaum auf. Die meisten von ihnen sind überdurchschnittlich gebildet. Viele waren im westlichen Ausland, fast alle sprechen Englisch, einige Deutsch. Sie sind mit dem westlichen Lebensstil vertraut. Doch wenn Deutschland sie aufnähme, wäre das auch ein Eingeständnis, dass in Afghanistan nicht alles so läuft, wie deutsche Politiker in ihren Reden behaupten.

 

Ayub begriff schockartig, was er von den Deutschen zu erwarten hat, als er 2011 eine Delegation aus Kabul für ein paar Tage nach Berlin begleiten sollte.

 

Gemeinsam mit seinem Chef ging er ins deutsche Konsulat und zeigte seinen Pass, in dem bereits sechs deutsche Visa von Dienstreisen klebten. Doch die Frau am Schalter wollte ihm kein Visum ausstellen. "Sie versuchen bestimmt nur, in Deutschland zu bleiben", sagte sie zu Ayub. So erzählt er es selbst, und so erzählt es sein Chef. "Die hat mich wie einen Verbrecher behandelt", sagt Ayub. Er erklärte der Frau die Situation, auch sein Chef erklärte der Frau die Situation, dann rief der Chef bei der deutschen Botschaft an. Die Antwort war immer dieselbe: Ayub werde kein Visum bekommen. "Ich habe mich geschämt", sagt er. Erst als sich die Stiftungszentrale in Berlin einschaltete, durfte er einreisen. Seitdem glaubt Ayub nicht mehr daran, dass er 2014 mit nach Deutschland darf. Auch nicht, wenn es ernst werden sollte und die Taliban wieder an die Macht kommen. In Deutschland wird Afghanistan dann kaum noch jemanden interessieren. Es wird neue Einsatzorte der Bundeswehr geben und neue Mitarbeiter.

 

Tarik Ayub sieht die Politiker, die über seine Zukunft entscheiden, jeden Tag. Abends, wenn er das Büro in der Adenauer-Stiftung verlässt, muss er an ihnen vorbei. Im Flur hängen die Porträts von Angela Merkel und Thomas de Maizière. Und doch – die Kanzlerin und der Verteidigungsminister sind weit weg. Sie leben in Sicherheit. Sie wissen nicht, wer Tarik Ayub ist und dass er sich fürchtet.