DIE TÄGLICHE PORTION LIEBE

Sorman war zwei Jahre alt, als sich Schmerz in ihrem Körper ausbreitete. Sie schrie und weinte. Und ihre Eltern machten sich Sorgen.

 

Vielleicht wurde unsere Tochter von einem Skorpion gestochen, dachten sie und brachten Sorman zu einer Ärztin. „Ich hab nach der Stichwunde gesucht“, erinnert die sich. „Aber da war nichts.“ Die Ärztin untersuchte den kleinen Körper. Dann begriff sie, was Sorman quälte: die Drogen ihrer Eltern.

 

Sormans Mutter rauchte Opium, ihr Vater Heroin, zuhause; in der Altstadt von Kabul, in einem Lehmhaus, in dem einen Zimmer, in dem die Familie lebt: 4,5 mal 3 Meter. Sorman atmete den Rauch von Geburt an ein. Als der Vater ein paar Tage verreiste, wurde sie krank. Die Schmerzen waren ihr erster Entzug.

 

Inzwischen ist Sorman elf Jahre alt. Sie hat drei jüngere Bruder: 9, 7 und 4. Sie alle sind süchtig.

 

Mehr als 90 Prozent aller illegalen Opiate weltweit kommen aus Afghanistan. Das meiste davon wird außer Land geschmuggelt, über Pakistan nach Afrika, Asien, den Nahen Osten, China, Iran. Über Zentralasien nach Russland. Über Iran und die Türkei nach Westeuropa. Fünf Prozent der Drogen bleiben im Land - genug, um eine Gesellschaft von innen zu zerstören. Mehr als eine Millionen Menschen in Afghanistan sind abhängig, hat die UN (UNODC) 2009 geschätzt, 8 % der erwachsenen Bevölkerung; weltweit liegt der Schnitt bei 4 %. 2012 hat das US Department of State den Drogenkonsum in afghanischen Städten untersucht. Rechnet man die Ergebnisse aufs ganze Land hoch, essen, rauchen, schnupfen oder spritzen mindestens 800.000 Menschen Opiate. 160.000 von ihnen sind Kinder, sie haben die Sucht von ihren Eltern geerbt. In Deutschland entspräche das mehr als 2,1 Millionen Menschen. 420.000 Kinder.

 

Nachts ist Kabuls Altstadt der schönste Anblick: Tausend kleine Lichter im Dunkeln - warmes gelb, kühles weiß, sanftes grau. Tagsüber ist sie das heruntergekommenste Viertel der Stadt.

 

Unzählige Lehmhäuser, an einen Berghang gepresst. 130.000 Menschen leben hier, die meisten stammen aus dem Norden Afghanistans und sind bitterarm. Viele verdienen ihr Geld als Tänzer oder Sänger, was manchmal nur andere Worte für Prostituierte sind. Mitten im Slum hat eine afghanische NGO einen Park angelegt, mit Fußballplatz. Man erkennt ihn nur an den Toren, der Rest ist Schotter. Niemand spielt. Stattdessen springen die Kinder des Viertels in ein Becken, das zum Bewässern der Pflanzen gebaut wurde. Sie tauchen zwischen alten Flaschen, Plastiktüten und Essensresten. „Schau wie gut ich schwimmen kann!“, ruft einer zu seinem Kumpel. Und der ruft zurück: „Spritz mich mal nass!“

 

Sorman und ihre Geschwister sind nie dort.

 

Ihr Leben spielt sich ein paar Straßen entfernt hinter einer Holztür ab. Ein zweistöckiges Lehmhaus; ganz unten, hinter einem winzigen Innenhof, liegt das Zimmer der Familie. Die Kälte vergangener Winter hat tiefe Risse in die Wand gegraben, ein Moskitonetz ersetzt Fensterscheiben. Es ist vormittags und bis auf den Vater, der gerade für zwei Tage die Woche Arbeit gefunden hat, sind alle zuhause.

 

Die zwei kleinsten Jungs spielen im Innenhof, zwischen Gerümpel und ein paar Sachen aus dem „Shop“ der Mutter – Seife, Kaugummis, Chips, Zigaretten und Eier, die Nadia für umgerechnet 7 Cent pro Stück auf dem großen Bazar in der Stadt besorgt und für 8 Cent verkauft. Die Jungs duellieren sich lachend mit Plastikpistolen. Die Balken einer klapprigen Holztreppe sind ihr Schutz gegen die Waffe des Bruders. Die beiden gehen nicht zur Schule, sie sind den ganzen Tag zuhause. Damit sie nachmittags ein paar Stunden schlafen, nicht lärmen und keinen Hunger haben, gibt Nadia ihnen nach dem Mittagessen – wenn sie selbst raucht - ein apfelkerngroßes Stück Opium, weichgekocht. Abends wiederholt sie das Ganze, dann bei allen Kindern.

 

„Ich will das nicht essen“, sagt Sorman manchmal. „Es schmeckt mir nicht, mir wir übel davon.“ Die Mutter drückt ihr das Bröckchen trotzdem in die Hand, Sorman legt es auf ihre Zunge und trinkt ein paar Schlücke Tee.

 

Dann wird sie müde. Das Opium schwächt ihr Gehirn. Vor allem macht es ihren Körper süchtig. Sollte Sorman versuchen irgendwann aufzuhören, wird er sich dagegen auflehnen. Er wird schwitzen und zittern und schmerzen.

 

Nadia hat den Gaskocher angestellt und Wasser aufgesetzt. Sie zerhackt einen Blumenkohl für das Mittagessen. Ansonsten hat sie noch im Haus: ein halbes Kilo Tomaten, ein Kilo Zwiebeln, einen Apfel. Ein Stück vertrocknetes Brot, dass die Nachbarn ihr gebracht haben und das eingeweicht in heißes Wasser noch satt macht. Eine Tasse Öl, eine Tasse Reis – beides von den Nachbarn geliehen. „Wie lange reicht euch das?“ - „Die Zwiebeln zwei Wochen. Der Rest zwei Tage.“ Für sechs Leute.

 

Nadias Mann verdient umgerechnet 32 Euro pro Woche. Nadia wäscht die Kleidung anderer Familien, dafür bekommt sie zwei Euro pro Tag. Für die Drogen bezahlen sie jeden Tag fünf Euro. „Wir verkaufen alles, was wir haben“, sagt sie. „Auch Kleidung und Decken.“ Um zu erfassen, was der Familie geblieben ist, reicht ein Blick in ihr Zimmer: Unter dem Fenster eine Plastiktüte mit Rheumatabletten, ein münzgroßes Stück Opium, ein Feuerzeug. In der rechten, hinteren Ecke des Raums ein schmales Regal. Fernseher. Plastikblumenkette. An der linken Wand sechs Polster, die nachts zu Betten werden.

 

Dort lehnt Sorman. „Ich habe Kopfschmerzen“, sagt sie und reibt sich die Schläfen. „Hast du das öfter?“ „Eigentlich immer. Nur in der Schule hören sie auf“ - in ein paar Stunden. Wie jeden Tag wird Sorman dann wieder im Unterricht sitzen und angestrengt versuchen, nichts zu erzählen, was andeuten könnte, dass ihre Eltern abhängig sind. Dass sie selbst abhängig ist. „Wenn meine Freunde das wüssten, würden nicht mehr mit mir sprechen.“ Auch ihre Eltern verstecken ihre Sucht. Sormans Vater kauft die Drogen heimlich bei einem der unzähligen Dealer der Stadt. Beide Eltern rauchen hinter zugezogenen Vorhängen und sprechen mit niemanden über ihre Sorgen.

 

Viele Afghanen behandeln Abhängige wie Aussätzige. „Für die meisten sind das einfach schlechte Menschen – sie verstehen nicht, dass Sucht eine Krankheit ist“, sagt Manzoor ul Haq, der im Kabuler Büro der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Drogen und Kriminalität arbeitet. „Einmal hab ich drei Leichen am Straßenrand gefunden. Ich wusste nicht, was tun. Ich hab bei der medizinischen Fakultät gefragt, ob sie die Toten aufbewahren können, wenigstens bis wir wissen, wer sie sind. Sie wollten nicht. Ich hab dann die Polizei gerufen, aber die kam nicht. Wir haben die Mullahs gebeten, eine Beerdigung vorzubereiten, aber sie haben sich geweigert. „Das sind doch alles Junkies“, haben sie gesagt. Also hat das jemand aus unserem Team gemacht, einer, der den Koran gut kennt. Die Dorfältesten haben uns verboten, sie auf dem Friedhof zu beerdigen. Am Ende mussten wir sie am Straßenrand verscharren. In der ersten Nacht kamen wilde Hunde und gruben sie aus. Es war ein furchtbarer Anblick.“

 

Nadia will nicht, dass jemand erfährt, dass sie mit Ausländern spricht; erst recht nicht, worüber. Das erstes Treffen hatten Freunde von Freunden von Freunden arrangiert, in einem Haus, nicht weit von Nadias entfernt.

 

Nadia hat ihre beiden Jüngsten mitgebracht. Sie sitzen neben ihr auf der Couch und albern herum. Sie zupfen an der Burka der Mutter, die sie fürs Gespräch zurückgeschlagen hat, so dass sie nur noch ihren Rücken bedeckt. Sie balancieren einen Apfel auf dem Kopf und kichern, wenn er herunter plumpst. Augenblicke der Kindheit. „Die wissen noch gar nicht, was die Drogen mit ihnen machen“, sagt Nadia.

 

In diesem Moment kommen vier andere Kinder ins Zimmer. Zwei Jungs im Kindergartenalter und Teenie-Mädchen. Die größere der Beiden hat ihre Augen schwarz geschminkt, an ihrer linken Hand trägt sie einen Ring. Die Gesichter der vier sind verdreckt, ihre Kleidung zerlöchert, sie riechen nach Schmutz. „Hier ist noch eine andere Familie“, erklärt die Frau, die auch das Treffen mit Nadia organisiert hat. „Ihr Vater dealt mit Drogen.“

 

„Meine Eltern sind abhängig“, sagt das Mädchen mit den geschminkten Augen. „Meine Mutter bettelt, mein Vater ist den ganzen Tag zuhause und raucht. Gerade hat er geschlafen, wir haben ihn eingesperrt und uns raus geschlichen. Wenn er bemerkt, dass wir hier sind, verprügelt er uns.“

 

Ohne auf Fragen zu warten, beginnt das Mädchen zu reden. Was sie erzählt, würde schon aus dem Mund eines Erwachsenen erschütternd klingen. In den Worten eines Kindes ist es kaum zu ertragen.

 

„Ich heiße Faima. Ich bin 14 Jahre alt. Ich nehme vier oder fünf Mal am Tag Drogen: Gras, Opium, Heroin. Meine Geschwister auch.“

 

„Bist du grade high?“

 

„Ja, als die Frau uns fragte, ob wir mitkommen können, war ich gerade dabei, Heroin zu nehmen. Ich musste extra früher aufhören.“

 

„Sorry“

 

„Schon okay.“

 

„Was hältst du von den Drogen?“

 

„Sie sind gut“

 

„Warum?“

 

„Ich fühl mich ruhig, wenn ich sie nehme. Ich hab keine Schmerzen mehr.“

 

„Weißt du noch, wann du angefangen hast?“

 

„Ich war hungrig und wir hatten nichts zu Essen zuhause. Da hat mein Vater mir Opium gegeben und gesagt: hier, danach wirst du dich besser fühlen. Meine Geschwister und ich verkaufen Plastiktüten in der Stadt, um Geld für meinen Vater zu verdienen. Wir kaufen Drogen und bringen sie nach Hause. Ich bin verlobt. Mein Vater hat gesagt: wir haben kein Geld – du solltest heiraten.“

 

„Was denkst du darüber?“

 

„Ich hoffe, ich kann dann endlich aufhören. Ich werde nicht mehr zuhause wohnen, ich werde nicht mehr so arm sein – das macht es leichter. Aber ich werde meine Geschwister vermissen.“

 

„Fühlst du dich verantwortlich für sie?“

 

„Ja, klar, ich bin die Älteste. Ich kümmer mich um sie. Bald muss meine Schwester Shila das machen, sie ist 12. Ich bring ihr gerade schon alles bei, was wichtig ist.“

 

„Was heißt das – alles?“

 

„Wie man Drogen zubereitet. Das mach sonst immer ich.“

 

„Faima, was denkst du über deinen Vater?“

 

„Ich bin wütend auf ihn. Wegen den Drogen. Und weil er uns nicht zur Schule gehen lässt, keinen von uns.“

 

Nach zwanzig Minuten sagt sie: „Wir müssen jetzt gehen – ich will zuhause sein, bevor er aufwacht.“

 

Nadia ist während des Gesprächs daneben gesessen und hat zugehört.

 

„Was denkst du, wenn du die Kinder siehst?“

 

Sie sagt: „Es macht mich traurig.“

 

„Warum?“

 

„Weil es mich an die Zeit erinnert, als ich so alt war. Daran, wie ich angefangen habe.“ Von ihren eigenen Kindern spricht sie nicht in diesem Moment.

 

Wir treffen die Geschwister noch öfter in den nächsten Tagen, auch ihre Mutter. Wir erfahren, dass der Vater aus dem Norden Afghanistans stammt, wo die Leute am ärmsten sind. Dass er Drogen nimmt seitdem er ein Kind ist. Vor drei Jahren wollte er Faima für 50 Dollar verkaufen, an einen 45-jährigen Dealer, Faima war damals 11. Die Mutter, Karima, hat vor einem Jahr ihr achtes Kind bekommen. Sie leiht es anderen Frauen, damit sie mehr Mitleid erregen beim Betteln am Straßenrand, zwischen Fäkalienstaub und Abgasen. Sie bekommt dafür 1,50 Euro pro Tag. Sobald das Baby alt genug ist, wird Karima auch ihm Drogen geben. „Was heißt alt genug?“ „Vielleicht 2 Jahre.“

 

In Europa nehmen die Leute vor allem in den Städten Drogen, dort wo das Angebot groß ist. In Afghanistan bekommt man Opium überall. Armut, Hunger und harte Arbeit sind auf dem Land noch ausgeprägter - deshalb sind dort die Suchtprobleme am drängendsten. Manche nehmen Drogen, um zu vergessen, was der Krieg ihnen gezeigt hat. Und jeder dritte Abhängige wurde als Flüchtling im Ausland süchtig.

 

Sormans Vater nahm das erste Mal mit 15 Heroin, erzählt Nadia. Die sowjetischen Truppen hatten ein paar Jahre zuvor das Land verlassen, für kurze Zeit gab es so etwas wie Frieden. Aber die Wirtschaft lag am Boden. Sormans Vater fand keinen Job. Er ging in den Iran und half auf dem Bau aus. Er schuftete, hatte Schmerzen, schuftete weiter. Sein Chef gab ihm Heroin. Gerade genug, um für einen Moment die Schmerzen zu vergessen. Um durchzuhalten und weiter Geld zu verdienen. Der Chef kam wieder. Und wieder. Irgendwann war Sormans Vater süchtig.

 

Ein paar Jahre später, zurück in Afghanistan, heiratete er Nadia. Sie war 21 und sagt heute, sie wusste damals nichts von seiner Sucht. Sie habe ihn angebettelt, aufzuhören, als sie es bemerkt habe. „Siehst du nicht, wie uns das krank macht?“, fragte sie. Schon damals teilten sie das kleine Zimmer in der Altstadt von Kabul. Ein paar Wochen nach der Hochzeit bekam Nadia Schmerzen vom ständigen Drogendunst ihres Mannes. „Nimm das“, sagte er und gab ihr ein Stück Opium. Es half. Nadia nahm es wieder und wieder. Irgendwann fing sie an zu rauchen.

 

Ein Jahr nachdem sie bemerkt hatten, dass ihre erste Tochter, Sorman, süchtig war, starb Nadias Stiefmutter. Auch sie hatte Drogen genommen. Und sie wurde nicht einmal 60.

 

Nadia und ihr Mann beschlossen aufzuhören. Sie gingen zu einer Klinik in der Nachbarschaft. Sie reduzierten ihre tägliche Dosis. Irgendwann schafften sie den Entzug. Sormans Vater fand einen Job, als Bauarbeiter, in der Gegend wurde eine neue Straße angelegt. Er verdiente mehr Geld und gab nichts mehr für Drogen aus. Nadia kaufte einmal die Woche Fleisch auf dem Basar. „Ich war viel ausgeglichener damals“, sagt sie. „Ich bin viel besser mit meinen Kindern umgegangen. Ich war geduldiger.“

 

Nach drei Jahren war die Straße fertig und Sormans Vater wieder arbeitslos. Nur ab und zu konnte er tageweise irgendwo aushelfen, erzählt Nadia. Trotzdem blieb ihnen mehr als in den Zeiten ihrer Sucht. Nadia konnte es sich leisten, in den Norden zu fahren als ihre Schwester heiratete, in die Provinz, aus der die Familie stammt.

 

Als Nadia zurückkam, sah sie ihren Mann zuhause rauchen. Sie habe geweint, erzählt sie. Sie habe ihn angefleht, wieder aufzuhören. „Warum hast du angefangen?“, habe sie ihn gefragt. Er sagte: „Ich war so angespannt, da bin ich raus auf die Straße. Ein Freund kam vorbeigelaufen. Ich habe ihm erzählt, dass ich keinen Job mehr habe und mir Sorgen mache. Da hat er gesagt: Komm, ich hab was für dich.“ Zwei Tage später rauchte Nadia zum ersten Mal wieder Opium. Seither jeden Tag.

 

Ihre Kinder – inzwischen waren es vier – bekamen Schmerzen vom Rauch. Nadia hatte keine Medikamente, aber sie hatte Opium. Sie gab es ihren Kindern, nur ein kleines Stückchen. So wie sie es Jahre zuvor von ihrem Mann bekommen hatte. Die Vergangenheit, die ihr eigenes Leben zerstört hatte, begann sich zu wiederholen.

 

Heute sagt sie: „Ich will nicht, dass meine Kinder Junkies werden. Aber was soll ich tun?“

 

Es gibt Behandlungszentren für drogenabhängige Kinder und deren Mütter, in Kabul und in einer handvoll anderer Städte. Zehn Tage Entzug, danach ein Monat Betreuung. Die Kinder haben Unterricht: Koran lesen, Mathe, Dari, Gesundheitskunde, Gedichte, Erste Hilfe, Fernsehen. Sie essen drei Mal am Tag, sie toben auf einem Spielplatz, sie gehen früh ins Bett. Ihre Mütter lernen schneidern oder wegen, damit sie es leichter haben Geld zu verdienen. Nach 45 Tagen gehen sie heim. Ab dann kommt jede Woche ein Arzt ins Haus. Er untersucht Kinder und Mutter, bringt Schmerzmittel, spricht mit ihnen. Nach drei Monaten kommt der Arzt alle zwei Wochen, nach sechs Monaten alle vier, nach einem Jahr kommt er gar nicht mehr. Alles passiert in Absprache mit den Dorfältesten, die das Programm kennen, weil die Ärzte regelmäßig im Dorf um neue Patienten werben. Das Konzept ist gut - nur kann es wenig ausrichten gegen das, was die Familien zu den Drogen gebracht hat. Isolation. Armut. Die Mütter haben oft noch die selben Probleme wie vorher - bloß kein Mittel mehr, um sie zu betäuben.

 

„Nadia, willst du wieder aufhören?“ „Nicht jetzt. Es ist nicht der richtige Moment.“ „Warum nicht?“ „Weil wir kein Geld haben.“

 

„Karima, willst du aufhören?“ „Mein Mann erlaubt keine Behandlung.“ „Hast du es schon einmal versucht?“ „Nein.“

 

Es gibt in dieser Geschichte wenig, das Mut macht. Vielleicht sind es die beiden Töchter, die versuchen sich gegen das Erbe ihrer Eltern zu wehren, jede auf ihre Art.

 

Faima, die wütend ist auf ihren Vater, weil er ihr verbietet, sich gegen die Drogen behandeln zu lassen. Die zur Schule gehen will. Und die versucht, sich irgendwie um ihre Geschwister zu kümmern.

 

Sorman, die versucht, sich der Droge zu verweigern, die seit acht Jahren ihr Leben bestimmt. Indem sie immer wieder sagt, sie will das Opium nicht nehmen.

 

„Sorman, wie stellst du dir deine Zukunft vor?“ „Ich will nicht als Junkie enden. Ich will die Schule abschließen und dann will ich Ärztin werden.“ „Warum?“ „Weil ich den Leuten hier im Viertel helfen will.“

 

„Redest du mit deinen Eltern über die Drogen?“

 

„Ich sage meiner Mutter, dass sie aufhören soll. Sie verspricht, mit meinem Vater zu reden. Aber das bringt nichts. Dann sag ich meinem Vater, dass er aufhören soll.“

 

„Was antwortet er?“

 

„Er sagt: 'Wenn ich aufhöre, Drogen zu nehmen, kann ich nicht arbeiten. Nur wenn ich Drogen nehme, bin ich stark genug. Dann kann ich Geld verdienen und Essen nach hause bringen.' Manchmal wenn ich die Kinder in der Schule sehe, denk ich mir – warum kann meine Familie nicht so sein? Warum sind wir alle abhängig?“

 

Die Antwort darauf ist so brutal, dass man sie eigentlich niemandem zumuten kann, erst recht keinem Kind: Weil deine Eltern Schmerzen hatten, die sie nicht ertragen konnten. Und weil sie auch deinen Schmerz nicht ertragen konnten. Weil sie dich lieben.

 

„Viele Afghanen nehmen die Drogen als selbstverordnete Medikamente gegen die Härten des Lebens“, heißt es in dem UN-Bericht von 2009. Opium ist die Antwort auf den Schmerz einer ganzen Nation. An dem, was er betäubt, kann man ablesen, worunter die Menschen leiden: zu wenig Jobs, zu wenig Essen, zu wenig Ärzte, zu viel harte Arbeit, zu viel Krankheiten, zu viel Angst.

 

Nadia verteufelt ihren Mann dafür, dass er ihr Opium gegeben hat, aber bei ihren Kindern macht sie das selbe. Die vierzehnjährige Faima verflucht ihre Eltern für ihre Sucht, aber wenn sie an die bevorstehende Hochzeit denkt, ist ihre größte Sorge, wer dann den Geschwistern die Drogen zubereiten soll. Alle wollen den Schmerz der anderen betäuben. Und verstärken ihn nur.