LANGE WEGE

Kabul, 26. Juli 2014

 

Gestern Mittag hat mich der Fastenmonat Ramasan an einen Ort in Kabul gebracht, den ich eigentlich meide, das Hauptquartier der NATO. Während der Fastenzeit sind tagsüber fast alle Restaurants geschlossen. Unser Kühlschrank war leer und im Camp gibt es eine Pizzeria. Deshalb beschlossen mein Mitbewohner und ich, dorthin zu fahren.

 

Beim Essen redeten wir über die Welt und darüber, dass sie zurzeit so finster aussieht. Seit ein paar Wochen tue ich mir schwer damit, zu glauben, was ich eigentlich gerne glauben möchte: Dass der Krieg ein menschgemachtes Problem ist und dass es deshalb irgendwie möglich sein muss, ihn wieder abzuschaffen. Wenigstens zu lindern. Außerdem habe ich den Verdacht, dass der Radius, in dem man die Welt verändern kann, sehr sehr klein ist. Dass man sie nicht mit seinem Job, großen Worten oder mächtigen Gesten ändern kann, sondern nur mit den kleinen. Diejenigen, die man in keinen Lebenslauf schreibt, die man nicht auf Facebook postet, von denen man noch nicht einmal sonderlich gut erzählen kann, weil sie so klein und selbstverständlich sind. Einem Freund zuhören, auch wenn man eigentlich gerade andere Dinge im Kopf hat. In einem Streit nicht darauf beharren, dass man Recht hat. Sowas. Wenn man sich anstrengt und nicht jung stirbt, kann man auf diese Weise vielleicht hundert Leuten gut tun, sie lebendiger machen und stärker. Diese hundert könnten dann wieder, wenn sie sich anstrengen und nicht zu jung sterben, hundert anderen – und so weiter.

 

Ich mag diese Idee, weil es natürlich tröstlich wäre, nichts Großes vollbringen zu müssen, um die Welt zu ändern. Aber sie macht mir auch Angst, weil ich glaube, dass gerade die kleinen Dinge die schwersten sind. Weil sie keine Aufgabe und kein Event sind, sondern eine Einstellung fürs Leben.

 

Das alles habe ich im Kopf, als wir nach dem Essen in einen Supermarkt gehen, um Säfte für drei Mädls zu kaufen, die vor dem Camp immer ihre Schals verkaufen (Kinder müssen nicht fasten). Neben der Kasse steht eine Tischvitrine. Darin liegen Schlüsselanhänger und kleine Uniform-Aufnäher. „Infidel“ steht dort, Ungläubiger, in englischer und in persischer Schrift – damit es auch Afghanen lesen können. Auf einem anderen ist „Taliban Hillfighter“ gestickt zum Logo von Tommy Hilfiger. Auf einem dritten: We do bad things to people.

 

Als ich nach Hause komme, habe ich eine neue Email in meinem Postfach. Eine Gruppe afghanischer Mitarbeiter der Bundeswehr bittet Deutschland in einem offenen Brief um Hilfe. Sie schildern ihre Verzweiflung: “Warum versteht uns niemand? Warum spürt niemand die Angst, die wir um unser und das Leben unserer Frauen und Kinder haben?”

 

“Uns wurde immer wieder gesagt, dass unsere Leben nicht in Gefahr seien, aber vor ein paar Monaten wurde der ehemalige Bundeswehr-Übersetzer Dschawad Wafa von Taliban enthauptet. Vor ein paar Monaten wurde Abdul Rahman, ein weiterer Dolmetscher, im Dorf Ali Khail in der Provinz Baghlan in Keilagai getötet. Alle Sprachmittler im Camp Marmal waren über diese Taten schockiert und die Angst wurde noch größer, dass uns das gleiche Schicksal, wie das unsere ehemaligen Kollegen, ereilt.”

 

“Wir haben für und mit der deutschen Bundeswehr gearbeitet. Wir halfen unseren Familien und wir haben gehofft, dass unsere Arbeit auch mit dazu beiträgt, Afghanistan sicher und lebenswerter zu machen. Aber mit unserer Arbeit halfen wir auch euren Söhnen, Töchtern, Müttern, Vätern, Brüdern und Schwestern, ihren Dienst hier in Afghanistan leichter und sicherer zu machen.”

 

Am Ende schreiben sie: „Wir bitten nicht um Geld oder Almosen, wir bitten sie nur uns in Sicherheit zu bringen. Wir bitten sie darum, dass unsere Kinder in Sicherheit aufwachsen dürfen und nicht dafür büßen müssen, weil ihr Vater der Bundeswehr half. Wir bitten das deutsche Volk, uns zu unterstützen und darum bei der Bundesregierung den Druck etwas zu erhöhen, um uns das Leben zu retten."