HAMBURG - KABUL

Kabul, 29. Juni 2014

 

Der erste Tag in Hamburg fühlt sich einsam an. Die Straßen wirken leer und die wenigen Menschen, die unterwegs sind, reden nicht miteinander. Es ist ein ganz normaler Wochentag, aber für mich fühlt es sich an, als sei die Stadt ausgestorben. Ich gehe einkaufen. Niemand feilscht, niemand handelt, niemand fragt mich, ob ich  Tee will und wie es meiner Familie geht. Stattdessen: Können Sie Ihren Einkaufswagen nicht woanders hinstellen?

 

Ich beschließe, grantige Menschen ab jetzt mit Freundlichkeit zu überfordern: Bitte verzeihen Sie! Stand ich Ihnen jetzt im Weg? Das tut mir sehr leid! Das wollte ich natürlich auf gar keinen Fall. Mensch, jetzt fühl ich mich ganz schlecht. Das wollte ich natürlich nicht, dass Sie sich ärgern! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut!

 

Ich bin für ein paar Wochen in Deutschland, um eine Doku zu schneiden. Genau zur WM – zufällig. Glaubt mir natürlich keiner, aber es stimmt. Vor dem ersten Deutschland-Spiel schickt mir ein Kumpel aus Kabul ein Foto aufs Handy, oben schleichen vier Tiger durch einen Schneebedeckten Wald. Unten einer. Oben steht: Germany. Unten: Portugal. „They only have Ronaldo!;)“ schreibt er, „I will cross my fingers for germany tonight...“, und: „I hate Portugal.“

 

Das Spiel läuft noch nicht lange, da klingelt das Telefon. Afghanische Nummer. Es ist unsere Haushälterin in Kabul, deren Job-Bezeichnung eigentlich: Mutter von sechs Ausländern in Kabul heißen müsste. „Wie gehts dir? Wie geht es deiner Familie?“, fragt sie. Als ich antworte, dass es allen gut geht, lacht sie, 6000 km und zehn Welten entfernt. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass sie sich freut, mich zu hören oder daran, dass mein Dari so schnell so schlecht geworden ist. Obwohl ich erkläre, dass gerade Fußball läuft und obwohl sie ein kleines Vermögen für das Gespräch ausgibt, telefonieren wir einige Minuten, Familie eben. „Bist du schon schwanger geworden?“, fragt sie und lacht wieder. Sie hat noch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie findet, dass ich mit 27 zu alt bin, um keine Kinder zu haben. „Nicht, dass ich wüsste“, scherze ich. Sie lacht, und hustet ziemlich viel. „Bist du krank?“, frage ich. „Quatsch“, schimpft sie, „alles gut. Mach dir bloß keine Sorgen! Wann kommt ihr endlich wieder?“ „Übernächste Woche“, sag ich, und überlege wie sich diese Frage anfühlen wird, wenn ich einmal nicht mehr in Afghanistan leben werde. Ich schiebe den Gedanken weg und beantworte eine letzte Frage: „Ruft ihr nochmal an?“ „Ja, versprochen“, sage ich. Lege auf, drehe mich um und sehe wie Thomas Müller ein Tor schießt. Er schießt noch zwei weitere. Seit Monaten versuche ich meinen Freunden in Kabul den Unterschied zwischen Bayern und Deutschland zu erklären. Aber jedes Mal klinge ich wie ein Rassist oder ein CSU-Wähler. „Finally I have a good example“, schreibe ich nach Kabul. „Müller, he's Bavarian. Born in the same village like my father.“

 

„Hahaha, be proud!“ schreibt der Kumpel aus Kabul. „Wann kommt ihr zurück?“ „Übernächste Woche“ „Lass mal abwarten, wie alles wird, schreibt er. Wir haben ein paar Probleme mit der Wahl, Leute demonstrieren.“ Zwei Tage später schreibt er: „Today it's like election day. Streets are empty.“

 

„Ich habs in den Nachrichten gelesen“, antworte ich. Es hat mich beunruhigt, aber weil Nachrichten aus der Ferne oft schlimmer klingen als sie sind, will ich mir nichts anmerken lassen. „Ist's sehr schlimm?“, frage ich.

 

„Yeah. I wish war dont start again."

„Das hoffe ich auch!“ schreibe ich.

„Thanks!“

 

Einen Tag später schicke ich ein Bild von meinem zweijährigen Neffen. Als ich auf den Senden-Knopf drücke, merke ich, dass im Hintergrund meine Schwägerin in Top und kurzer Hose sitzt. Erst fühle ich mich blöd, weil ich das Bild geschickt habe. Dann fühle ich mich blöd, weil ich mich blöd gefühlt habe. Mein Kumpel in Kabul schaut die gleichen Serien, Filme und Fußballspiele wie ich. Natürlich kennt er das, denke ich mir und schüttele den Kopf. Er schreibt zurück: „Blaue Augen!!! Wie süß!"

 

Abends ist in meinem Postfach eine Email von Freunden aus Kabul. Sie schreiben, dass vor der Uni eine Bombe explodiert ist, kurz bevor einer von ihnen, Jura-Student dort hinging. „Wozu studieren wir überhaupt, wenn wir nicht wissen, was morgen kommt?“ fragte er. Angehängt ist ein Video, das ich kaum beschreiben kann. Es zeigt die Jungs, in Schock. Einer sagt, die Straßen seien so leer, er höre keine Geräusche mehr und dass er Angst habe. Der zweite sagt gar nichts, er starrt nur in die Kamera. der dritte weint und weint und weint. Er schluchzt in die Kamera. „Ich brauch den Frieden so dringend“, sagt er. Die Worte brennen sich in mein Herz. Er braucht den Frieden. Ich will ihn. Das ist ein Unterschied und dieser Unterschied tut weh. Immer. Aber vor allem, wenn ich wie jetzt, zwischen den Welten hänge.